Interview: Utho Creusen
 

Utho Creusen kennt die deutsche Handelsbranche so gut wie kaum ein anderer. Heute gibt er sein Expertenwissen an Unternehmer im Handel weiter und optimiert ihren Führungsstil. Im RUNDSCHAU-Interview verrät er, worauf es dabei ankommt.


Herr Creusen, wo setzen Sie genau an, wenn Sie Unternehmen coachen?
Creusen: Ich setze immer bei den Menschen selbst an und bei der Frage: Was muss ich als Unternehmen tun, um meine Kunden bestmöglich zufrieden zu stellen. Die Mitarbeiter spielen dabei eine Schlüssel-Rolle. Wie müssen sie eingesetzt, motiviert und geführt werden? Dabei hilft Positive Leadership. Bei diesem Führungsansatz geht es darum, positive Emotionen zu wecken, sich an den Stärken der Mitarbeiter zu orientieren, sie zu engagieren und gemäß ihrer Stärken auch einzusetzen.

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel kämpft mit seinem Image. Zu unmodern, heißt es oft. Was meinen Sie dazu?
Creusen:
Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel hat in der Tat ein schlechtes Image. Ich sehe die oft einseitige, wenig sinnorientierte Unternehmensführung als Hauptgrund dafür. In Deutschland wird zu wenig auf die eigene Arbeitgeber-Marke geachtet. Und viel zu oft werden Betriebsangehörige wie Produktionsfaktoren behandelt.

Wo sollen Handelsunternehmen ansetzen?
Creusen:
Bei der konsequenten Mitarbeiterorientierung und nicht bei der Kostenreduzierung. Jeder Chef sollte sich fragen, wie er ein optimales Engagement seiner Mitarbeiter erreichen kann. Ein guter Führungsstil berücksichtigt sowohl die Leistungs- als auch die Menschenorientierung.

Was können Handelsunternehmen tun, um ihr Arbeitgeber-Image zu verbessern?
Creusen:
Außergewöhnliche Aktionen eignen sich da am besten, um als Arbeitgeber für junge Menschen attraktiv zu sein. Einige Unternehmen übergeben etwa ihren Auszubildenden die Verantwortung für eine Abteilung oder sogar eine gesamte Filiale.

Sie forcieren das Thema Positive Leadership. Was verbirgt sich dahinter?
Creusen:
Positive Leadership fokussiert sich nicht auf Schwächen, sondern auf die Stärken von Auszubildenden. Hat ein Mitarbeiter beispielsweise weniger soziale Kompetenz, dafür aber eine hohe analytische, so kann er – ohne dass dabei die Ganzheitlichkeit der Ausbildung aus dem Auge verloren wird – besonders gut im Controlling oder in der Logistik arbeiten.

Wie können das Ausbilder im Lebensmitteleinzelhandel genau umsetzen?
Creusen:
Schon beim Auswahlprozess sollten Ausbilder versuchen, die individuellen Talente der Auszubildenden festzustellen und später zu echten Stärken auszubauen. Dabei gilt es, insbesondere die soziale Kompetenz der Azubis zu fördern. Schließlich kommt es im täglichen Umgang mit Kunden genau auf diese Stärke an.

Welche großen Handels- und Consumer-Trends wird es in Zukunft geben?
Creusen:
Ich sehe da vor allem den Convenience-Trend, also eine möglichst hohe Bequemlichkeit beim Einkaufen. Das Internet ist sicher ein Trend und damit verbunden die Frage, wie sich Multichannel-Marketing in den stationären Einzelhandel integrieren lässt. Einen weiteren großen Trend sehe ich bei den Dienstleistungen. Immer mehr Kunden erwarten Services wie Einpacken, Verladen oder Transport.

Utho Creusen ist Experte in Sachen Handels-Know-how. Er kennt die Branche seit Jahren.

Name: Prof. Dr. Utho Creusen
Privat: Jahrgang 1956, verheiratet, vier Kinder.
Beruf: Der Diplom-Volkswirt ist als Berater für mehrere internationale Handelsunternehmen tätig. Erfahrungen sammelte er bei OBI, der Media-Saturn-Holding und in Gremien wie dem Bildungsausschuss des Deutschen Industrie- und Handelskammertags oder dem Deutschen Franchise-Verband. Er hat zahlreiche Bücher rund um das Thema Management geschrieben.